Fünf Denkerinnen von der Antike bis heute – in fünf Abenden durch achtzehn Jahrhunderte.
Die Geschichte der Philosophie wird meist als Reihe großer Männer erzählt. Doch daneben – oft verschwiegen, verloren oder erst spät wiederentdeckt – haben Frauen gedacht, gestritten und geschrieben: über den Körper und die Seele, über Bildung und Begehren, über das Recht, überhaupt eine eigene Stimme zu haben. In diesem Lesekreis lesen wir fünf von ihnen, chronologisch, quer durch die Jahrhunderte. Jede antwortet auf ihre Weise auf dieselbe Frage:
„Wer darf wissen, lieben, sprechen – und über sich selbst bestimmen?"
Wir lesen keine trockenen Fachabhandlungen, sondern lebendige Texte: ein Gefängnistagebuch, ein allegorisches Streitgespräch, einen Briefwechsel, ein leidenschaftliches Plädoyer und einen ganz gegenwärtigen Essay. Kein Vorwissen nötig – nur Neugier.
DIE FÜNF STATIONEN
1 — ANTIKE · UM 203 N. CHR. Vibia Perpetua (um 181–203) Die Passio von Perpetua und Felicitas
Das älteste erhaltene Dokument, das eine Frau der Antike in eigener Stimme verfasst hat: das Tagebuch, das die junge Karthagerin Perpetua in den Nächten vor ihrer Hinrichtung schrieb. Zwischen Visionen, Angst und einem verblüffend klaren Ich beschreibt sie, wie sie sich gegen Vater, Autorität und Todesangst behauptet – ein früher Text über Selbstbewusstsein, Willen und die Freiheit, Nein zu sagen.
Leitfrage — Was heißt es, ganz zu sich selbst zu stehen, wenn alle anderen etwas anderes verlangen?
Ausgabe: V. Hunink (Hg.), „Die Passio von Perpetua und Felicitas", zweisprachige Ausgabe (wir lesen die deutsche Fassung)
2 — MITTELALTER · 1405 Christine de Pizan (1364–ca. 1430) Das Buch von der Stadt der Frauen
Europas erste Berufsschriftstellerin baut in einem allegorischen Streitgespräch eine ganze Stadt – Stein um Stein aus Gegenbeispielen zur Frauenverachtung ihrer Zeit. Die drei Gestalten Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit helfen ihr zu zeigen: Wenn Frauen unvernünftig erscheinen, liegt das nicht an ihrer Natur, sondern daran, dass man ihnen Bildung und Selbsterkenntnis vorenthält.
Leitfrage — Woher kommt das Bild, das eine Gesellschaft sich von „den Frauen" macht – und wer darf es korrigieren?
Ausgabe: Christine de Pizan, „Das Buch von der Stadt der Frauen", übers. von Margarete Zimmermann, AvivA Verlag (in Auszügen)
3 — FRÜHE NEUZEIT · 1643–1649 Elisabeth von der Pfalz (1618–1680) Der Briefwechsel mit René Descartes
Die Prinzessin bringt den großen Descartes mit einer einzigen, unnachgiebigen Frage in Verlegenheit: Wenn Seele und Körper zwei völlig verschiedene Substanzen sind – wie kann dann ein unausgedehnter Geist einen ausgedehnten Körper bewegen? Sie gibt sich mit keiner Ausflucht zufrieden und legt damit einen Finger auf das Leib-Seele-Problem, das die Philosophie bis heute beschäftigt.
Leitfrage — Wie hängen Denken und Körper zusammen – und was bedeutet es, wenn Krankheit oder Stimmung unser Urteil verändern?
Ausgabe: „Der Briefwechsel mit Elisabeth von der Pfalz", Felix Meiner Verlag (Philosophische Bibliothek), zweisprachig, dt. Fassung (ausgewählte Briefe)
4 — AUFKLÄRUNG · 1792 Mary Wollstonecraft (1759–1797) Eine Verteidigung der Rechte der Frau
Der Gründungstext des feministischen Denkens – leidenschaftlich, streitbar, gegen Rousseau gerichtet. Wollstonecraft besteht darauf, dass Frauen ebenso Vernunftwesen sind wie Männer und nur deshalb schwächer erscheinen, weil man sie zu „hübschen Spielzeugen" erzieht statt zu selbstständigen Menschen. Ihr Hebel ist die Bildung, ihr Ziel eine Gesellschaft, in der Tugend nur unter Gleichen gedeihen kann.
Leitfrage — Ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern Natur – oder das Ergebnis von Erziehung?
Ausgabe: Mary Wollstonecraft, „Eine Verteidigung der Rechte der Frau" (vollständige dt. Ausgabe; wir lesen ausgewählte Kapitel, u. a. 2 & 9)
5 — GEGENWART · 2012 Carolin Emcke (*1967) Wie wir begehren
Von der Leib-Seele-Frage der Antike und der frühen Neuzeit springen wir mitten in die Gegenwart. Die Publizistin und Georg-Büchner-Preisträgerin Carolin Emcke verbindet in diesem sehr persönlichen Essay Erinnerung und Philosophie: Wie werden wir zu dem, was wir begehren? Und welche Worte fehlen uns, um ein Sehnen zu benennen, für das die Sprache noch keine Form bereithält?
Leitfrage — Wer gibt uns die Worte für das, was wir fühlen – und was geschieht, wenn sie fehlen?
Ausgabe: Carolin Emcke, „Wie wir begehren", Fischer Taschenbuch
DAS WICHTIGSTE AUF EINEN BLICK
Format: Online, gemeinsam per Videotreffen
Umfang: Fünf Abende – ein Text pro Abend Termine: 15.9., 13.10., 10.11., 15.12., 19.1.
Beitrag: 125 €
Vorbereitung: Die angegeben Texte zum Termin gelesen haben
Sei dabei! Fünf Frauen, fünf Jahrhunderte, eine große Frage. Lass uns gemeinsam die andere Hälfte der Philosophiegeschichte lesen – neugierig, in Ruhe und im Gespräch.