Was uns abhandenkommt
Acht Abende über Fähigkeiten, die wir verlernen
„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können."
Das hat Blaise Pascal 1670 geschrieben. Ohne Smartphone.
Worum es geht
Aufmerksamkeit. Stillsitzen. Muße. Staunen. Versprechen. Verzeihen. Begegnen. Urteilen.
Über diese Dinge sprechen wir, als wären sie Charaktereigenschaften. Der eine ist eben geduldig, die andere nicht. Man ist ein aufmerksamer Mensch, oder man ist keiner. Und wenn uns auffällt, dass etwas davon nachlässt, halten wir es für ein persönliches Versagen — und suchen eine Technik dagegen.
Die Philosophie behandelt diese Dinge seit zweitausend Jahren anders. Sie behandelt sie als Vermögen. Als etwas, das ein Mensch ausbilden, verlieren und wiedergewinnen kann.
Das ist keine tröstliche Umdeutung. Es ist eine genauere Beschreibung — und sie hat eine sehr praktische Folge: Was man verlieren kann, kann man auch zurückholen.
In Zeiten, in denen Maschinen immer mehr von dem übernehmen, was wir für unsere Stärken hielten, stellt sich die Frage nach diesen Vermögen mit besonderer Vehemenz. Dieses Seminar handelt allerdings nicht von Maschinen. Es handelt von uns.
Acht Abende, acht Denker·innen, acht Texte
An jedem Abend steht ein·e Denker·in und ein Text. Nicht mehr. Wir lesen ausgewählte Stellen vorher und sprechen darüber.
1 · Aufmerksamkeit — Simone Weil Donnerstag, 8. Oktober 2026 Wir halten Aufmerksamkeit für Anstrengung. Weil sagt das Gegenteil: Sie besteht darin, das eigene Denken auszusetzen und leer zu halten für das, was da ist. Wer sich anstrengt, ist nicht aufmerksam, sondern angestrengt. Und deshalb nennt sie Aufmerksamkeit „die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit" — man gibt jemandem den eigenen leeren Raum. Was auch heißt: Man kann sie verweigern.
2 · Stillsitzen — Blaise Pascal Donnerstag, 22. Oktober 2026 Pascals Analyse der Zerstreuung ist unbequemer als jeder Ratgeber. Er sagt nicht, wir seien abgelenkt und sollten uns zusammenreißen. Er sagt: Wir suchen die Ablenkung, weil sie uns davon abhält, uns selbst anzusehen. Sein Beispiel ist der Jäger — schenkt man ihm den Hasen, geht er trotzdem jagen. Es geht nie um den Hasen.
3 · Muße — Aristoteles Donnerstag, 19. November 2026 Erholung dient der Arbeit: Man erholt sich, um wieder arbeiten zu können. Muße dient nichts. Und für Aristoteles ist nicht die Arbeit das Zentrum eines guten Lebens, sondern die Muße — wir arbeiten, um Muße zu haben, nicht umgekehrt. Ein Abend, der die üblichen Fragen umdreht.
4 · Staunen — Platon Donnerstag, 3. Dezember 2026 Sokrates beschreibt sich als Hebamme: Er weiß selbst nichts und bringt nichts hervor. Er hilft anderen, das zur Welt zu bringen, was in ihnen ist — und prüft dann, ob es lebensfähig ist. Im selben Dialog steht der Satz, mit dem sich die Philosophie erklärt: Der Anfang ist nicht das Wissen, sondern das Staunen.
5 · Versprechen — Friedrich Nietzsche Donnerstag, 17. Dezember 2026 „Ein Tier heranzüchten, das versprechen darf." Wer etwas verspricht, steht für einen Menschen ein, den er noch nicht kennt: sich selbst in einem Jahr. Nietzsche zeigt, was für eine ungeheure Leistung darin steckt — und mit welcher Härte sie dem Menschen beigebracht wurde.
6 · Verzeihen — Hannah Arendt Donnerstag, 7. Jänner 2027 Arendt stellt das Verzeihen neben das Versprechen: Das eine hilft gegen die Unabsehbarkeit der Zukunft, das andere gegen die Unwiderruflichkeit des Getanen. Verzeihen ist für sie kein Gefühl und keine Milde, sondern eine Handlung — und sie befreit zwei Menschen auf einmal.
7 · Begegnen — Martin Buber Donnerstag, 21. Jänner 2027 Ich–Du und Ich–Es. Über ein Es spricht man, mit einem Du spricht man. Bubers unbequemer Punkt: Das Ich–Es ist nicht böse und nicht vermeidbar — aber wer nur noch so lebt, „ist nicht mehr Mensch". Und Begegnung lässt sich nicht herstellen. Man kann sich nur bereithalten.
8 · Urteilen — Immanuel Kant Donnerstag, 11. Februar 2027 Kant hält Urteilskraft für genau das, was sich nicht als Regel lehren lässt — sonst bräuchte man für jede Regel eine weitere Regel, wie sie anzuwenden sei. Am Ende stehen seine drei Maximen, die zugleich das Seminar zusammenfassen: selbst denken, an der Stelle jedes anderen denken, jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.
Wie es abläuft
Acht Abende, jeweils Donnerstag, 18.30 bis 20.00 Uhr, online
Ein Text pro Abend, höchstens zwanzig Seiten. Für die Texte gibt es einen Downloadordner.
Kein Vorwissen nötig.
Kleine Gruppe, damit alle zu Wort kommen.
Es wird nicht aufgezeichnet. Stattdessen bekommt ihr nach jedem Abend eine schriftliche Zusammenfassung des Gesprächs — v.a. für jene, die nicht dabei sein konnten.
Beitrag: 200 Euro für alle acht Abende.
Für wen das gedacht ist
Für Menschen, die den Verdacht haben, dass ihnen etwas abhandenkommt, und die keine Technik dagegen suchen, sondern eine Erklärung.
Für alle, die schon länger vorhaben, „endlich einmal etwas Philosophisches zu lesen", und nie dazu kommen — acht mal zwanzig Seiten sind ein Anfang, den man schafft.
Und für die, die gern in einer Gruppe denken, weil man allein an einer bestimmten Stelle immer stehen bleibt.
Nicht gedacht ist es als Selbstoptimierungsprogramm. Es gibt keine Übungen, keine Routinen und keine Sieben-Schritte-Anleitung zu mehr Konzentration. Stattdessen gibt es acht Texte, die klüger sind als jeder Ratgeber — und Zeit, sie mit anderen zu durchdenken.
Häufige Fragen
Muss ich die Texte gelesen haben? Ja. Allerdings lohnt es sich auch dabei zu sein, wenn man es nicht geschafft hat. Man kann den Text auch noch nach der Diskussion lesen.
Brauche ich Vorwissen? Nein. Kein einziges der acht Themen setzt voraus, dass Du schon einmal Philosophie gelesen hast. Wenn Du Dich schon einmal gefragt haben, warum Dir jemand nicht wirklich zuhört, bist Du ausreichend vorbereitet.
Was, wenn ich einen Abend versäume? Kein Problem. Jeder Abend steht für sich — ein·e Denker·in, ein Text, eine Fähigkeit. Du verlierst keinen Anschluss.
Warum acht Abende über vier Monate? Weil zwischen den Abenden etwas passieren soll. Diese Texte wirken nach. Zwei Wochen Abstand sind kein Zugeständnis an volle Kalender, sondern Teil der Sache.
Wird das aufgezeichnet? Nein. Es gibt kein Video und keine Tonaufnahme zum Nachhören — damit alle frei sprechen können, auch über Persönliches. Was Du stattdessen bekommen: nach jedem Abend eine schriftliche Zusammenfassung des Gesprächs. Du musst also nicht mitschreiben, und wenn Du einen Abend versäumst, kannst Du nachlesen, worum es ging.
Wie entsteht diese Zusammenfassung? Sie wird automatisiert erstellt und von mir vor dem Versand durchgesehen. Sie geht ausschließlich an die Teilnehmer·innen. Am ersten Abend bespreche ich das noch einmal mit der Gruppe — wenn jemand nicht möchte, dass ein bestimmter Beitrag darin auftaucht, genügt ein Wort.
Was, wenn 200 Euro gerade nicht gehen? Schreib mir. Ich finde fast immer eine Lösung, und niemand muss mir erklären, warum.